Mahnmal St. Nikolai

Neuordnung Mahnmal St. Nikolai,  Offener einphasiger Wettbewerb, Teilnahme mit Franz Reschke Landschaftsarchitektur, 2025

Der Entwurf setzt auf eine prägnante, stadträumlich wirksame Adressbildung, indem ein neuer, ruhiger, klar gegliederter Pavillon an der Nordseite des Kirchplateaus – flankierend zu den Pilasterbasen – positioniert wird. Das neue Bauwerk ist vertikale Verbindung zwischen Gewölben, Kirchplateau und dem neuen ersten Obergeschoss. Seine Dimensionierung und eine vorgelagerte transparente berankte Konstruktion im Kirchenschiff sind so gewählt, dass sie in Richtung Willy-Brandt-Straße eine deutliche Präsenz entfalten und die Adressbildung verstärken. Das berankte skulpturale Pflanzwerk bildet dabei mit seinem zarten Blätterhimmel eine abstrakte Interpretation und Andeutung der verlorenen baulichen Struktur, aber auch in seiner natürlichen Ästhetik einen Kontrast zur Ruine – ein neuer qualitativen Ort des Erinnerns und Zusammentreffens im Herzen der Stadt.

Der Zugang zum Museum im Gewölbe wird klar ablesbar und sichtbar durch den Pavillon aufgewertet. Im Süden überragen die vertikalen Strukturen des Rankgerüsts die niedrigen Restmauern zum Teil und steigern so ebenfalls die Sichtbarkeit der neuen Intervention und Neuordnung des Mahnmals. Der südliche Bestandszugang zum ehem. Weinlager wird zugunsten einer noch größeren Klarheit des grünen Frieses und der Fokussierung auf den südlichen Treppenzugang zum Kirchplateau zurückgebaut. Die gewünschte Sichtbarkeit bzw. das sog. „Fenster zur Stadt“ mit Einblicken in das Untergeschoss sieht der Entwurf im Bereich des Pavillons auf der Nordseite vor. Hier kann so ein direkter Einblick in die neue Eingangssituation in das Museum im Untergeschoss entstehen.
Das Pflanzwerk nimmt Motive des Kreuzgewölbes auf. Die Struktur fußt auf den historischen Stützpunkten der Kirche, bleibt durchlässig und ermöglicht Durchblicke auf Turm und Glockenspiel. Im Wandel der Jahreszeiten sind aufgrund der sich immer verändernden Vegetation unterschiedlichste Besuchserlebnisse möglich, Bepflanzung und Abendillumination schaffen eine besondere Atmosphäre, die Besucher auch unabhängig vom Museumsbetrieb anzieht. Diese Aspekte machen neugierig den Ort wiederholend zu besuch
Architektonische Qualität:
Der Pavillon ist in Maßstab, Proportion und Gliederung auf die historische Substanz abgestimmt und tritt als ruhige, eigenständige Architektur in Erscheinung. Großflächige Verglasungen öffnen das Gebäude zum Stadtraum, zum Kirchplateau und zu den Gewölben. Die Materialität interpretiert die gelblichen Ziegeltöne der historischen Kirche über Stampflehmflächen, deren vertikale Schichtung die baulichen Zeitschichten, Narben und Erosionen der Ruine aufgreift. Stampflehm ist als zirkuläres, vollständig rückbaubares Material gewählt, um Nachhaltigkeit und Reversibilität zu sichern.
Im Freiraum tragen verzinkte Stahlstrukturen das Rankgerüst und verschiedene „Follies“ – kleine partizipative und funktionale Elemente: Sitzgelegenheiten, mobile Podeste oder die „Kanzel 2.0“ als moderne Interpretation der Kirchenkanzel. Als „Speaker’s Corner“ an der Apsis wird sie zum Ort des Dialogs und Erinnerung zwischen Vierung und Apsis.
Denkmalpflegerische Qualität:
Der Entwurf respektiert die Dominanz von Turm, Ruine und Plateau und verstärkt ihre Wirkung durch gezielte, zurückhaltende Ergänzungen. Der Bestand bleibt in seiner Substanz weitgehend unangetastet, neue Elemente treten klar als zeitgenössische Interventionen auf.
Die Gewölbe und Bestandsbereiche werden nicht durch Raum in Raum Lösungen verborgen, sondern als offener, durch Stege erschlossener Raum erlebbar gemacht. Die Untergeschossbereiche sollen eine klare räumliche Wirkung durch ein Öffnen und Aufräumen dieser Bereiche im Rahmen der denkmalpflegerischen Aspekte ermöglichen – diese Bereiche sollen als räumliche Struktur selbst zum Exponat werden, können aber auch durch einzelne klimatisch unempfindliche Exponate ergänzt werden oder werden Ort für szenische Interventionen, Lichtinstallationen oder multimediale Ausstellungen. Die Verlagerung der multifunktionalen Flächen in den Pavillon vermeidet aufwendige Klimatisierung im Untergeschoss und ermöglicht die Sicherstellung der notwendigen Feuchte- und Temperaturverhältnisse.
Der Blick auf die Mauerpilasterbasen wird auch über die „Schaufenster“ nach Norden frei – ein nun sichtbares bauhistorisches Detail. Im Freiraum folgt das Rankgerüst dem Grundriss des Kirchenschiffs, ohne historische Sichtachsen zu verstellen. Alle ergänzenden Eingriffe sind voll reversibel gedacht und berücksichtigen die Lastannahmen der Bestandssituation.
Funktionale Qualität und Grundrissgestaltung:
Der Pavillon bündelt Kasse, Shop und flexible Flächen für Ausstellungen oder Cafébetrieb im Erdgeschoss, erschließt über Aufzug und Treppen Plateau, Obergeschoss und Gewölbe.
Das Obergeschoss bietet lichtdurchflutete, flexibel bespielbare Räume für Seminare, Workshops, Vorträge oder Sonderausstellungen. Das Untergeschoss mit Museumsausstellung bleibt offen erlebbar, sichtbar verbunden und direkt mit den OG Flächen verbunden; das westliche Untergeschoss mit Gewölben und Mittelbereich wird als Auftakt des Museums über einen Umgang auf einem barrierefreien Steg als bauliches Zeugnis erlebbar. Der Zugang direkt in das Museum aus dem UG des Pavillons ist darüber hinaus ebenso möglich, so dass auch getrennte Nutzungen von Museum im Osten und dem Westbereich möglich sind.
Alle Ebenen sind barrierefrei erreichbar: Rampen im Außenraum, schwellenlose Zugänge zum Pavillon, Stege im Gewölbe und barrierefreie WCs auf allen Ebenen. Die Erschließung ist intuitiv, Wege sind kurz, und die Anordnung vermeidet Nutzungskonflikte.
Freiraumplanerische Qualität:
Den Auftakt des Mahnmals bildet ein umlaufender „Kirchteppich“ aus wiederverwendetem Granitpflaster. Darauf legt sich ein von einer niedrigen Natursteinmauer gefasster grüner Fries – eine saumartige Ansaat mit ergänzenden Initialstauden, die im Norden und Süden großzügig erweitert wurde. Dieser lebendige Rahmen verstärkt die Atmosphäre der Ruine, lässt ihre Struktur klar erkennen und macht die Zugänge durch das gezielte Vorziehen des Pflasters intuitiv auffindbar.
Räumlich wird der Platz im Norden durch den Baukörper des neuen Pavillons und im Süden durch die Baumreihe entlang der Willy-Brandt-Straße gefasst. Das filigranes Rankgerüst projiziert den ehemaligen Innenraum der Kirche nach oben und definiert das Kirchenschiff als „grünen Saal“ – mit einem leichten,
durchlässigen Blätterdach, das sich im Jahresverlauf wandelt.
Mobile Möblierung, Ausstellungselemente und Follies ermöglichen eine flexible Nutzung für Ausstellungen, Konzerte, Lesungen oder ruhige Pausen. Eine abendliche Innenbeleuchtung des Rankwerks sowie gezielte Akzente an Mauern und Turm schaffen eine besondere Stimmung. Skulpturen werden neu positioniert, um inhaltliche und räumliche Bezüge zu stärken.
Erschließungskonzept:
Qualität der fußläufigen Verbindungen und Funktionalität der Erschließung.
Der Pavillon ist zentraler Verteiler zwischen allen Ebenen. Ein innenliegender Aufzug verbindet Obergeschoss, Plateau und Gewölbe und ermöglich die schwellenlose Anlieferung.
Rampen im Nordosten, durch den Turm und an der Apsis binden das Areal barrierefrei an den Stadtraum an.
Innerhalb der westlichen Untergeschossbereiche führt ein leicht erhöhtes Stegsystem durch alle Ausstellungsbereiche, schützt die historische Bausubstanz und sichert eine hindernisfreie Nutzung.
Nachhaltigkeit:
Qualität des energetischen Konzepts, des Konzepts zur Nachhaltigkeit sowie des ökologischen Konzepts Stampflehmwände wirken als thermischer Speicher und werden über integrierte Wandheizungen zusätzlich aktiviert. Passiver Sonnenschutz erfolgt durch Dachüberstände.
Die Konstruktion folgt einem klaren zirkulären Ansatz: wiederverwendete Primärstrukturen oder natürliche Baustoffe, recycelter Stahl, sortenrein trennbare Materialien, Verzicht auf jegliche Schadstoffe und nicht wiederverwendbare Materialien, Einsatz nachwachsender Rohstoffe mit sichtbarer natürlicher Oberfläche.
Mobile, flexible und dauerhafte Außenmöbel und Follies unterstützen die Flexibilität und verlängern den Lebenszyklus der Ausstattung.
Wirtschaftlichkeit:
Die klare Trennbarkeit der Funktionsbereiche erlaubt eine bedarfsgerechte Nutzung. Kompakte Bauform, wirtschaftliche Spannweiten und robuste Materialien senken Bau- und Betriebskosten. Stampflehm, Stahl und wiederverwendete Bauteile sind langlebig, wartungsarm und vollständig rückbaubar. Die Grundrisse lassen eine maximal flexible und zukunftssichere Bespielung und Nutzung zu. Aufgrund klar trennbarer Nutzungsbereiche sind einzelne Flächen zuschaltbar oder können klimatisch abgesenkt werden. Aufgrund der massiven Speichermasse der Lehmbauwände, der tiefen Dachüberstände und thermisch aktivierten Lehmwänden im Inneren kann von einer hohen thermischen Trägheit ausgegangen werden. Dies führt zu einem sehr gleichmäßigen wirtschaftlichen Komfort durch Abminderung von klimatischen Wärme- oder Kältespitzen.
Wirtschaftlichkeit wird vor allem auch erreicht durch die Verlagerung hochwertiger Nutzungen in den Pavillon und den Verzicht auf kostenintensive Klimatisierung oder Entfeuchtung der Gewölbebereiche. Das Pavillongebäude kann in vorgefertigter Elementbauweise in kurzer Bauphase errichtet werden.